IM
WIND
Ich stehe im
Wind und denke an das Leben, das mir genommen wurde, oder
das ich nie besaß.
Ich denke an den See der Tränen, den ich durchschwamm,
die Reise, die ich vor Jahren antrat, in Kindertagen
bereits.
Ich denke an den steinigen Weg, den ich beschritt, so
lange ich mich erinnern kann, ein Bewußtsein zu haben.
Ich denke an den Schmerz, den ich mit mir herumtrage,
seitdem zu laufen ich vermag.
Der Wind bläst mir kalt und scharf in das versteinerte
Gesicht. Ich friere, wie ich es immer getan habe,
versuche, dem Wind die Stirn zu bieten, stehe trotzig da,
einem Kinde gleich, das um jeden Preis seinen Willen
durchsetzen möchte, die Arme in die Hüften gestemmt,
sauge ich die Kälte in mich auf.
Und wieder versuche ich, den Weg zurückzuverfolgen,
akribisch chronologisch in umgekehrter Reihenfolge mich
von einem Knotenpunkt zum anderen zu hangeln, bis zum
Anfang allen Seins, zu dem im Dunkel meiner Seele
verborgenen Geheimnis, das einer Festung gleich die
Antwort hütet.
Je tiefer meine Reise mich in die Vergangenheit führt,
je näher ich dem Horizont rücke, an dem im Zenit einer
schwarzen Sonne drohend sich die Festung erhebt, desto
stärker bläst der Wind, peitscht durch meine Stirn
hindurch direkt in meinen Kopf. Die Knotenpunkte fallen,
ähnlich überreifem Obst, dessen Gewicht der nährende
Baum nicht mehr trägt, durch meine vergeblich zu greifen
bemühten Hände hindurch in einen Fluß, wo sie zu einem
zähen Strom zerfließen, der in einer Art Burggraben zu
münden scheint, wie ein Ring aus Lava um den steinernen
Koloß am noch immer weit von mir entfernten Horizont
gelegt.
"Nur nicht fallen," denke ich, "nicht
schon wieder!" Kaum, daß der Gedanke kreisend
meinen Kopf verlassen hat, beginne ich zu taumeln,
glaube, den Verlust des Gleichgewichtes wahrzunehmen.
Noch immer treibt es mich nach vorne, meinem felsigen
Ziel entgegen. Der Wind, der mit jedem Schritt mehr
Sturm, schleudert mir mit der Wucht eines ganzen Lebens
meine Träume entgegen, einen nach dem anderen, Träume,
die ich eigentlich mit dem Zurücklassen der Kindheit tot
geglaubt hatte.
Ich spüre, wie sie der Reihe nach laut zischend auf
meiner Stirn zerplatzen und wie wehrlose Tränen meine
Wangen hinabgleiten, um beim Eintauchen in den Fluß mit
meinen Erinnerungen zu verschmelzen.
Einen Moment nur, nicht länger, als ein vernarbtes Herz
für einen Schlag benötigt, halte ich fest entschlossen
beide Hände vor das Gesicht, um wenigstens eine Träne
zu fangen, wenigstens den Kadaver eines Traumes zu
retten.
Einen kurzen Augenblick nur lasse ich mein Ziel aus den
Augen, ohne den Untergang der Sonne zu bemerken, das
Erlöschen des letzten Restes an Licht wahrzunehmen.
Und wieder falle ich, wieder tiefer als das Mal zuvor,
wieder länger als erwartet, wieder ist der Aufschlag
härter, schmerzhafter als alles bisher Gekannte, wieder
verliere ich das Bewußtsein und beginne, auf die
Ungewißheit des Erwachens zu warten.
Ängstlich
öffne ich die Augen und schaue mich vorsichtig, beinahe
in Zeitlupe um.
Kein Loch. Ich liege im Gras, eine traumhaft schöne
Träne in der Hand.
Der Wind bläst über mich hinweg. Mir ist nicht mehr
kalt.
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