FRIEDEN
Ich weiß
genau, es hat einmal eine Zeit gegeben, in der alles
anders war, eine friedliche Zeit, in der wir ohne Angst
leben konnten.
Ich weiß genau, es war nicht immer so, daß jeder Tag
von der Furcht vor dem nächsten geprägt war.
Ich weiß genau, wenn Menschen sich damals auf der
Straße begegnet sind, haben sie sich noch freundlich
gegrüßt, und nicht mit der Waffe im Anschlag
beargwohnt.
Ich weiß genau, wir haben unser Essen geteilt, anstatt
uns darum zu schlagen.
Doch über Nacht kam die Dunkelheit, und die andere, die
neue Zeit begann. Eine Zeit des Kampfes und des Leids, in
der wir zuerst die Hoffnung und dann uns selbst verloren.
Ich stehe da und sehe auf das Land, das wir so sinnlos in
Blut getaucht, das Land, das wir wohl so sehr liebten,
daß wir es zerstören mußten, um es nicht zu verlieren.
Es ist still, nicht ein Laut dringt vom Horizont an meine
Ohren, und doch höre ich die qualvollen Schreie der
Gefallenen, die in meinem Kopf gefangen sind. Immer
lauter, immer schneller kreisen sie hinter meinem
blutverschmierten Gesicht, bis sie sich zu einem
dröhnenden Hurricane des Todes formieren, der Stück
für Stück meine Erinnerungen mit sich reißt.
Erinnerungen an eine Zeit, die mit dem Beginn des Krieges
zunächst stillzustehen schien, nach und nach jedoch mit
traurig wachsender Gewißheit zu nicht wiederkehrender
Vergangenheit mutierte.
Es ist vorbei, auch der Krieg ist Vergangenheit, auch er
ist behaftet mit der traurig wachsenden Gewißheit der
Wiederkehr. Ich weiß genau, er kommt zurück, wird sich
so lange holen, was wir ihm zugestehen, bis einer von uns
als Letzter seiner Art in der ersten Nacht ewigen
Friedens seinen Sieg feiert.
So lange werde ich wieder und wieder hier stehen und auf
das brennende Land schauen, werde ich wieder und wieder
zusehen, wie sich Menschen, die sich noch nie zuvor
gesehen haben, blind vor Wut gegenseitig zerfleischen,
werde ich wieder und wieder die Tränen der
Hoffnungslosigkeit verlieren, werde ich wieder und wieder
trauern, bis ich falle und ein anderer meinen Platz
einnimmt, für den am Ende seiner Zeit wieder ein anderer
kommt, und für diesen wieder einer, und wieder und
wieder.
Wieder und wieder werde ich im Schlaf die Bilder des
Untergangs vor Augen haben als wären sie fest in die
Lider gebrannt. Wieder und wieder werde ich stöhnend
einen Traum nach dem anderen dem Morgen entgegen tragen.
Wieder und wieder werde ich die Schmerzen des Verlustes
spüren, die sich immer tiefer in den Stein fressen, an
dessen Stelle einmal mein Herz schlug. Wieder und wieder
werde ich schreiend aufwachen, schweißgebadet und
tränenüberströmt, aus Angst, im Blut zu ertrinken,
daß ich vergossen habe.
"Hallo,
aufwachen! Hören sie nicht? Sie müssen aufwachen!"
Ich schrecke hoch, weiß nicht genau, wo ich eigentlich
bin, springe einfach nur auf, stehe salutierend da und
starre mit aufgerissenen Augen die uniformierte Gestalt
an, die so dicht vor mir steht, daß jeder Fluchtweg
abgeschnitten scheint, jeder Versuch zu entkommen von
vornherein zum Scheitern verurteilt ist.
Ich weiß
genau, es hat einmal eine Zeit gegeben, in der alles
anders war, eine friedliche Zeit, in der wir ohne Angst
leben konnten.
"Mein
Herr, hier ist Endstation."
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