FREIHEIT
Pausenlos redet
irgendjemand von der Freiheit, erzählt Geschichten, die
ich nicht verstehe, obskure Sagen, schwanger fast mit
einem Hauch von Ironie.
Wissen die, wovon sie reden, wenn sie mit erhobenem
Zeigefinger dastehen und die Freiheit als höchstes aller
Güter preisen?
Wissen sie es, oder sind sie einfach nur Mitgefangene,
die gelernt haben, ihre Ketten zu tragen, als wären sie
Schmuck?
Wissen sie es, oder haben sie sich nur daran gewöhnt,
den Kerker als ihr Zuhause zu betrachten?
Wissen sie es, oder wollen sie sich nur nicht bewegen, um
nicht am Strom des Grenzzauns zu verglühen?
Sie reden von der Freiheit der Meinung, ohne jemals eine
andere als die konforme gehabt zu haben.
Sie reden von der Freiheit des Glaubens, der ihnen in die
Wiege gelegt wurde, noch bevor sie sprechen konnten.
Sie reden von der Freiheit der Entscheidung, vor die sie
nie gestellt wurden.
Sie reden von der Freiheit, gehen zu können, wohin sie
wollen, ohne sich je bewegt zu haben.
Sie reden von der Freiheit, den Beruf selbst zu wählen,
den ihre Eltern für sie ausgesucht haben.
Sie stehen vor mir und reden auf mich ein, reden noch
immer von der Freiheit, die sie so lieben.
Endloses Gemurmel frißt sich in meinen Kopf. Ich soll
die Freiheit verteidigen, soll kämpfen, soll in den
Krieg ziehen, soll Menschen töten, die ich nicht kenne,
damit die Freiheit weiterlebt.
Ich frage mich, was sie wohl meinen könnten mit der
Freiheit, für die sie sterben wollen.
Wie frei werde ich sein, wenn ich das Blut nicht von
meinen Händen waschen kann, die sich nicht mehr bewegen,
wenn es mir nicht gelingt, die Schreie aus meinen Ohren
zu spülen, die nicht mehr hören, wenn ich es nicht
schaffe, die Bilder der Gewalt aus meinen Augen zu
wischen, die nicht mehr sehen?
Was ist frei daran, in agonieumsäumter, morphiner Stille
auf den Hubschrauber zu warten, der mich zurück hinter
den Grenzzaun bringt?
Sie tragen mich hinaus, eine Spritze noch, damit ich die
Reise schmerzfrei überstehe. Der dumpfe Nadelstich
breitet sich in Sekunden in meinem Körper aus, und doch
dringt durch meine betäubten Sinne ein Anflug von
Nervosität.
Ich spüre zwei kalte Metallplatten auf meiner Brust,
dann den Schlag, das Kribbeln, blinde Augen, bis zum
Anschlag aufgerissen, blicken in das Licht. Noch ein
Schlag, das Licht kommt näher, noch einer, mit jedem
Schlag mehr Licht, weniger Kribbeln. Wieder einer, das
Kribbeln ist weg.
Flatline. Ich bin frei.
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